Als Grabungsneuling mit dabei

Letztes Jahr besuchte ich die irre Archäologen-Truppe auf dem Plan da Mattun, war bei dem legendären Grillfest auf 2211 m.ü.M mit dabei und schlief für eine Nacht im Zelt. Das reichte schon, um mich mit dem Silvrettafieber zu infizieren. Dieses Jahr darf ich nun als einziger Grabungsneuling mit dabei sein. Yeah! Zugegeben, ich war etwas nervös…

Und dann, heute vor einer Woche, ging es los. Die ersten Tage darf ich mit auf Prospektion. Unglaublich, doch das Panorama vom schon bekannten Val Tasna kann tatsächlich noch überboten werden. Vor allem das Val Lavinuoz mit Blick auf den Piz Linard, dem höchsten Berg von Graubünden, raubt mir den Atem (teils wegen der Schönheit, teils wegen mangelnder Kondition). Gerade in diesem Tal seien Schafe von einem (oder zwei) Bären gerissen worden. Ein bisschen Schiss habe ich schon, aber der Rest unserer Archäologen-Gang bleibt steincool, also auch ich!

Meine ersten realen Zeichenerfahrungen mache ich dann im Val Tuoi. An der Uni lernt man ja die ganze schöne Theorie, wie man einen Befund mit Hilfe eines Rasters massgenau zeichnet und zwar mit allen nötigen Details. Diese Theorie konnte ich leider sofort über den Haufen werfen. Denn der zu zeichnende Pferch ist 48 m lang und 30 m breit. Ein Raster zu spannen wäre sinnlos, Details zu zeichnen ebenfalls. Zu zweit werden die Grundrisse ausgemessen und dann gezeichnet. Ich fand meine Zeichnung von der linken Pferchhälfte gar nicht mal so schlecht, bis ich sie mit der rechten Hälfte verglich, die von Jonas und Martin gezeichnet wurde. Der Erfahrungsunterschied ist unverkennbar! Zum Glück lässt sich der Anfängerfrust leicht mit einem Martini-Orange runterspühlen.

Yolanda, ebenfalls 4. Semestlerin wie ich aber schon zum zweiten Mal in der Silvretta dabei, entdeckt am Südhang des Piz Cotschens einen Abri und ihre Sondage zeigt ein klares Holzkohleband. Ich tänzle aufgeregt um sie herum, wie wenn wir einen Schatz gefunden hätten. Bei einem Pferch grabe ich dann mal lustig mit der Kelle los und promt bin ich höchstpersönlich auf Holzkohle gestossen! Danach wurden wir von Schnee, Wind und Kälte überrascht, doch was soll’s? Wenn man gerade seine erste Holzkohle gefunden hat, kann einem auch kein Wetter die Laune verderben.

Und dann meine erste richtige Grabung bei einem Abri im Val Urschai. Der Abri ist spitzenklasse und mein Mentor Jonas ist das auch. Trotzdem buddeln wir ziemlich lange, nämlich immerhin drei Tage, in allen unbequemen Lagen unter dem Fels bis wir heute endlich, endlich die ersten vernünftigen Funde entdeckten: Knochen nämlich, offensichtlich Speisereste.

Eigentlich bin ich todmüde und mir tut alles weh. Doch jetzt, da wir auf die fundreiche Schicht gestossen sind, kann ich es kaum erwarten, mich wieder unter den Felsen in den Dreck zu knien. Was wir morgen wohl alles noch so finden? Archäologie ist einfach eine Wahnsinns-Wundertüte!

Linda Christen

 

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Über silvretta historica

Ein interdisziplinäres und archäologisches Forschungsprojekt des Archäologischen Dienstes Graubünden sowie der Universität Zürich im Silvrettagebirge zur prähistorischen Besiedlungsgeschichte der Alpen, in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.
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