Kinderspielzeug im Dienste der Archäologie

Was machen Archäologen in ihrer Freizeit? Richtig, die Ausgrabungsprojekte anderer Archäologen besuchen! „Wir graben wieder in der Silvretta“, hiess es, „komm doch am Wochenende mal vorbei. Und bring‘ doch Deinen Fotodrachen mit.“

Okay, der Berg ruft also. Bis Ardez ist die Anreise per Bahn ja auch kein Problem. Nur – der Bahnhof in Ardez liegt auf 1430 m Seehöhe, das Grabungscamp auf 2210 m. Macht 780 m Höhenunterschied – für ein bekennendes Nordlicht wie mich klingt das nach ziemlich viel. Schliesslich sind die Schwarzen Berge  – der dortige Wildpark  war ein beliebtes Ausflugsziel meiner Kindheit – ganze 155 m hoch. Das fand ich früher immer furchtbar gebirgig, viel höher als der Bahndamm, an dem ich Schlitteln gelernt habe. Aber es ist fünfmal weniger als das, was jetzt vor mir liegt! Ich mache mich auf den Weg und finde mich auch zunächst recht sportlich. Bei der Alp Valmala treffe ich dann auf Lea, die sich mit der Geomorphologie des Val Tasna  beschäftigt – und die letzten Kilometer schnaufe ich wie eine asthmatische Dampflok hinter ihr her. Ich kenne das schon – Berge sind nicht meine Welt. Nordisch by Nature . Berge sind schön anzusehen, ja, aber anstrengend und irgendwie immer im Weg. Drachen dagegen habe ich schon als Kind gerne steigen lassen – und wenn man eine Fotokamera in die Drachenschnur hängt, kann man das alte Kinderspielzeug heute prima für die archäologische Dokumentationsarbeit  verwenden!

Endlich kommen Lea und ich (in dieser Reihenfolge) im Grabungscamp im Maragun d’Urschai an. Das erste, was mir auffällt, ist die totale Windstille. Mist. So wird das nichts, denn Kohlefaser hin und Spinnaker-Nylon her – ganz ohne Wind geht das Drachensteigenlassen dann doch nicht. Also schaue ich mir erst einmal an, was die Grabungsequipe da eigentlich so tut unter ihren Felsüberhängen. Der Nachmittag vergeht ohne einen Lufthauch. Dafür graupelt es zwischendurch.

Während des Abendessens kommt dann doch noch etwas Wind auf und mit Moni als Helferin starte ich einen ersten Versuch. Aber der Wind ist zu unstetig, zwischen den einzelnen Böen sackt der Drachen durch, wir bekommen die Kamera nicht in die Luft. Zudem wird es langsam dunkel. „Morgen ist auch noch ein Tag“, (ver)tröstet mich Moni, „eigentlich ist hier immer Wind.“ Ich bin skeptisch, erfahrungsgemäss gibt es da, ähnlich Begriffen wie Berg, Regen oder Nudeln, gewisse kulturell bedingte definitorische Nuancen. Doch sie behält recht: Nach einer frostigen Nacht erwischen wir am Vormittag doch noch eine Mütze Wind und können wie gewünscht die Ruinen einer Alphütte und eines Milchkellers mit Senkrechtfotos aus der Luft dokumentieren.

Mittags mache ich mich auf den Rückweg. Kurz hinter der Alp Valmala halte ich noch einmal an, esse etwas und schaue auf dem Kameradisplay noch einmal die geschossenen Fotos durch. Doch, da sollten einige brauchbare Bilder dabeisein – ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert! Ich schultere meinen Rucksack, bergab ist schliesslich auch für einen Fischkopp vergleichsweise unproblematisch. Vielleicht reicht es ja noch für einen gemütlichen, archäologiefreien Sonntagabend auf dem Sofa…

Jochen Reinhard

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Über silvretta historica

Ein interdisziplinäres und archäologisches Forschungsprojekt des Archäologischen Dienstes Graubünden sowie der Universität Zürich im Silvrettagebirge zur prähistorischen Besiedlungsgeschichte der Alpen, in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.
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