ARCHÄOLOGIE NICHT GLEICH ARCHÄOLOGIE

In der ersten Kampagne dieses Jahres war ich als absoluter Grabungsneuling mit dabei. Und ich stellte schnell fest, dass Uni-Archäologie und Feld-Archäologie nicht wirklich das Gleiche ist. Nun stecke ich schon mitten in der zweiten Kampagne. Gibt es jetzt überhaupt noch Neues? Oder ist das Graben in der Erde hier wie da der gleiche Einheitsbrei? Denkste! Nach einer Woche auf der Heidelberger Hütte kann ich so einige Unterschiede und neue Erfahrungen zusammenzählen:

1. ERDE NICHT GLEICH ERDE! In der ersten Kampagne grub ich zusammen mit Jonas und Yolanda unter dem Abri im Val Urschai. Vor allem direkt unter dem Fels war die Erde so locker, dass es schwierig war, sie einigermassen geregelt abzutragen. Die vielen Steine rissen ständig Löcher in die Erde, ein flaches Planum zu erstellen war die Archäologen-Kunst.
Hier bei der Heidelberger-Hütte grabe ich an der Eisenzeitlichen Hütte mit. Die Erde hier ist hart und meine Finger sind sich eher an Bleistift oder Tastatur gewöhnt, statt an Kelle und Schaufel. Blasen an den Händen quälen mich deshalb schon seit den ersten Tagen. Gejammert wird aber nur innerlich oder im Blog (Mitleid jetzt bitte). Ich bin überzeugt, wenn ich jetzt tapfer weiter handwerke, werden meine Porzellan-Finger bis Ende nächster Woche zu echten Stahl-Klauen mutieren.
2. ARBEITSWEG NICHT GLEICH ARBEITSWEG! Wenn man unter dem Abri im Val Urschai sitzt, hat man einen herrlichen Höhen-Ausblick über das ganze Tal. Aber die Höhe musste man natürlich zuerst erklimmen. Und es führte leider kein gepflegter Wanderweg nach oben. Wucherndes Gestrüpp, bei dem man nie so recht wusste, ob der nächste Tritt ins Bodenlose sackte, erschwerte die Überwindung der Höhenmeter noch beträchtlich. Der Arbeitstag beim Abri begann mit Keuchhusten, Dehydrierung und nassgeschwitzten Kleider. Und nein, man gewöhnte sich nicht an den Aufstieg. Im Gegenteil, dem Gefühl nach wurde der verdammte Hang jeden Tag noch steiler und noch steiler.
Hier ist das ja ganz anders. Die Eisenzeitliche Hütte liegt nur zwei Gehminuten von unserer Unterkunft entfernt. Ein hübscher Wanderweg führt direkt zur Grabung. Hat man was vergessen, oder muss man kurz aufs Klo? Kein Problem, bevor der Chef gemerkt hat, dass einer fehlt, ist man schnurstraks schon wieder zurück. Purer Luxus!
3. FUNDE NICHT GLEICH FUNDE! Mit dem Abri im Val Urschai hatten wir den Joker gezogen. Ein Eldorado an Funden. Die Erde war vor lauter Holzkohle ganz schwarz. Überall lagen verbrannte, kalziniert oder unverbrannte Knochensplitter herum, einige superschöne Silexstücke und dann die völlig überraschenden jungsteinzeitlichen Keramikscherben. Unser grösstes Problem war, dass wir bei so vielen Funden dauernd Mangel an Fundsäckchen hatten. Irgendwann packten wir einfach die ganze Erde in Müllsäcke und transportierten sie nach unten. So können wir sicher sein, dass uns beim Schlämmen gar nichts mehr durch die Lappen geht.
Bei der Eisenzeitlichen Hütte sind wir nicht ganz so verwöhnt. Wir haben ein paar Scherben, ja, auch ein bisschen Holzkohle und hie und da einen Bergkristall. Aber verglichen mit den Massen von Aushub, die wir abtragen, sind die Funde etwas mager. Man muss hier lernen, sich mit weniger zufrieden zu geben.
3. GRABUNGSORT NICHT GLEICH GRABUNGSORT! Ein Abri ist ein überhängender Fels. Gemütlich um bei Regen drunter zu sitzen. Nicht gemütlich, um darunter zu graben! Ei, wie mussten wir uns verkrümmen, um an die hintersten Stellen zu gelangen. Eine Woche lang in duckender Haltung zerrt schon deftig am Geduldsfaden. Und dann auch noch der ganztägige Schatten und durchziehende Wind, damit man auch ja beim schönsten Sonnenschein noch friert. Die reinste Frechheit, so ein Arbeitsort.
So eine Eisenzeitliche Hütte ist da die reinste Wellness-Oase dagegen. Aufrecht stehen – kein Problem. Ein Spaziergang im Gelände – keine Herausforderung. Herrlicher Sonnenschein und trotzdem einen zauberhaften Blick ins umliegende Panorama. Oh ja, hier hätte ich meine Hütte auch aufgestellt!
Linda Christen

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Über silvretta historica

Ein interdisziplinäres und archäologisches Forschungsprojekt des Archäologischen Dienstes Graubünden sowie der Universität Zürich im Silvrettagebirge zur prähistorischen Besiedlungsgeschichte der Alpen, in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.
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