Aff?! – Fragmente eines endneolithischen Pavianknochens in der Silvretta!!

Kurz vor dem endgültigen Abschluss der äusserst umfangreichen Schlämmarbeiten der neolithischen Fundstelle Abri Urschai sind zu den ohnehin bereits fantastischen Objekten (Pfeilspitzen, Keramik, Birkenpech, verkohlte Sammelfrüchte etc.) weitere hochinteressante Fundstücke dazu gekommen. Aus den hunderten, z. T. äusserst kleinteilig fragmentierten und zumeist unbestimmbaren Tierknochen konnte neben den üblichen lokalen Wildtieren (Gämse, Murmeltier, Hase etc.) von den Archäozoologen mehrere Knochen eines ausgewachsenen, männlichen Mantelpavians (Papio hamadryas) identifiziert werden. Die gut erhaltenen, nur wenig angekohlten Knochen können aufgrund der Stratigraphie und mehrerer 14C-Daten eindeutig ins 3. Jahrtausend v. Chr. eingeordnet werden. Damit handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um die ältesten und zugleich höchstgelegenen Funde dieser Art in ganz Europa. Völlig unklar ist allerdings bislang, wie das Exemplar der heute praktisch ausschliesslich im nordöstlichen Afrika und der Arabischen Halbinsel vertretenen Pavianart vor knapp 5000 Jahren in die Alpen gekommen ist. Mantelpaviane sind Allesfresser, die an ihren relativ trockenen Lebensraum angepasst sind. Bei der Nahrungssuche sind sie nicht wählerisch: Von Früchten und Kräutern über Wurzeln bis Insekten, Vogeleiern und Wirbeltieren kann alles auf ihrem Speiseplan stehen. Das klimagünstige Unterengadin würde sich somit grundsätzlich als Lebensraum eignen. Wie alle Paviane kommen sie mit relativ niederwertiger Nahrung aus und können etwa eine Zeitlang nur von Gräsern leben. Letzteres spricht dafür, dass urgeschichtliche Hirten das Tier im Sommer mit auf die Weide genommen und möglicherweise am Ende der Saison uns heute unbekannten Gottheiten geopfert und verspeist haben. Erhalten sind nur die fleischarmen Extremitäten – ein Hinweis auf eine rituelle Behandlung in Form eines Brandopfers.

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Von besonderer Bedeutung für die Interpretation des absolut singulären Hochgebirgsfundes scheint weiters die Tatsache, dass Mantelpaviane im Alten Ägypten als heilige Tiere galten. So wurde der Gott Thot manchmal in Paviangestalt dargestellt. Thot war unter anderem der Gott der Wissenschaft und des Mondes, Paviane wurden dementsprechend beim Unterrichten von Schreiberschülern dargestellt. Auch im ägyptischen Totenbuch werden sie erwähnt, sie sitzen am Bug der Todesbarke und der Tote wendet sich an sie und bittet um Gerechtigkeit für sich im Totenreich. Paviane genossen Schutz und wurden nach ihrem Tod sogar mumifiziert.

Denkbar ist nach diesen allersten Informationen also, dass vor knapp 5000 Jahren (Altes Reich) ein lebendes Mantelpavian-Exemplar aus Ägypten über den Mittelmeerraum bis in die Alpen gebracht wurde, etwa im Zuge einer mehrjährigen königlichen Expedition oder als besonderes Gastgeschenk einer ausgedehnten Handels- oder Diplomatenreise – vielleicht im Tausch gegen einheimischen Bergkäse oder Steinbockfleisch. Sobald alle Untersuchungen abgeschlossen sind – noch ausständig sind u.a. aDNA- sowie Isotopen-Analysen – ist eine rasche wissenschaftliche Publikation vorgesehen. Bereits für das kommende Osterwochenende hat Zahi Hawass  seinen Besuch in Graubünden angekündigt, um die zukünftige Zusammenarbeit zu koordinieren.

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Über silvretta historica

Ein interdisziplinäres und archäologisches Forschungsprojekt des Archäologischen Dienstes Graubünden sowie der Universität Zürich im Silvrettagebirge zur prähistorischen Besiedlungsgeschichte der Alpen, in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.
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